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Weber, Thomas: Ravensbrück

AVINUS Magazin, Sonderedition Nr. 4/2008

Thomas Weber

Ravensbrück – Zwei WebSites oder die Frage nach der medialen Perspektivierung des Holocausts.

24 S., ISBN 978-3-930064-87-8, brosch., 8.00 EUR.

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Eine französische Version dieses Artikels ist erschienen unter: Weber, Thomas (2008): „Ravensbrück – Deux sites web ou la question de la perspectivation médiale de l’Holocauste.“ In: Bulletin trimestriel de la Fondation Auschwitz, H. 99, S. 35–47.

In den letzten Jahren ist in den verschiedenen Instanzen der histo­rischen Vermittlungsarbeit eine Tendenz zur „Perspekti­vierung“ zu beo­bachten, d.h. eine Privilegierung – und damit einhergehend auch eine Ausdifferen­zierung – einerseits von Opferperspektiven und ande­rer­seits in durchaus spekta­kulärer Hinsicht: von Täterperspek­tiven.

Perspektivierung hat ihre Ursache nun keineswegs allein nur im Exploita­tions­interes­se der Massenmedien, die sich leicht ganz anderen Themen zuwenden könn­ten, sondern scheint ebenso in einem gewandelten Verständnis von Ge­schichtsvermittlung begründet, die der Mediati­sierung bedarf. Die Perspek­tivierung des Holocausts – so die hier ver­folgte These – ist Ausdruck einer „notwendigen“ Mediatisierung.

Sie unterscheidet sich damit von jener Perspektivierung, die das Gros der Auseinandersetzung über Jahrzehnte hinweg in Deutschland be­glei­tete, die eine Opferperspektive allein schon deshalb privilegierte, um sich mit der Frage nach der Schuld der Täter nicht auseinander­setzen zu müssen.

Tatsächlich geht es hier weniger um einen vorder­gründigen moralischen Stand­punkt, sondern um eine technische und medial bestimmte Form der Perspektive, die neben einem bestimmten „Ka­me­ra­standpunkt“ auch eine bestimmte Form der Dramaturgie bevor­zugt (was nun die Frage nach einem moralischen Standpunkt keineswegs ob­solet macht, nur eben nicht „vordergründig“ behandelt).

Durch das allmähliche Verschwinden von Zeitzeugen – häufig als mögli­ches Motiv für eine umfassende Mediatisierung angeführt – gibt es zumin­dest eine Krise der Authentifizierung. Einerseits entfällt die Unmit­tel­bar­keit von Zeitzeugen oder auch von Mediatoren (als Foto­gra­fen, Kame­raleute usw., die als Zeugen der medialen Aufzeich­nung von Zeit­zeugen authen­­tifizierend wirken könnten) als Authentifi­ka­tions­argu­ment, anderer­seits wächst eine neue Generation heran, die an andere, neue tech­nische Möglichkeiten gewöhnt ist und ent­sprechend an mediale Ver­mittlungs­arbeit andere Erwartungen hat.

Insofern stellt sich die Frage nach der Vermittlung heute anders, ja ist wahrscheinlich ein Paradigmen­wechsel der Vermittlungsarbeit selbst zu beobachten, des­sen Ausmaß der­zeit eher noch fragmentarisch beschrieben, denn syste­matisch analysiert werden kann. Nicht zuletzt wäre dabei auch die Frage zu stellen, inwieweit me­dienwissen­schaft­liche oder medio­logi­sche Be­grif­fe hier einen Beitrag lei­sten können.

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